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Binaurales Hören – Paradigmenwechsel und neue Konzepte

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* Presenting author
Day / Time: 21.03.2018, 11:40-12:30
Room: MW 2001
Typ: Keynote
Abstract: Seitdem Knudsen und Konishi ihre bahnbrechenden Arbeiten zur neuronalen Repräsentation von interauralen Disparitäten im Mittelhirn der Schleiereule in den Siebzigerjahren veröffentlicht hatten, schien es wie in Stein gemeißelt: in unserem Hirnstamm werden aus interauralen Zeit- und Intensitätsunterschieden (ITD, IID) stabile rezeptive Felder des akustischen Raumes errechnet und in einer neuronalen Karte als auditorischer Raum abgebildet. Um 1990 galt zudem die ITD-Verrechnung mithilfe von systematisch angelegten axonalen Delay-Lines als gesichert, basierend auf Arbeiten an Eule (Carr und Konishi) und Hühnchen (Rubel und Kollegen). Auch dies wurde generalisiert. Seit den Mitsiebzigern bekannte Befunde zur unabhängigen Evolution von tympanalen Ohren bei Sauropsiden (inkl. Vögel) und Säugern wurden dagegen ignoriert. In den letzten 15 Jahren hat sich das Bild für Säuger jedoch drastisch verändert. Delay-Lines ließen sich nicht nachweisen, neuronale Hemmung scheint sowohl bei IID- als auch bei ITD Abstimmung im Hirnstamm der dominierende Mechanismus zu sein. Zudem wird auditorischer Raum bei Säugern nicht durch stabile rezeptive Felder einzelner Neurone kodiert, sondern in einem komplexen, noch nicht völlig verstandenen Populations-Code. Unsere jüngsten Ergebnisse zeigen, dass dieser Code überraschend dynamisch ist, was auf effektiven Mechanismen kurzzeitiger Adaptation in den binauralen Kernen des Hirnstamms basiert. Dies resultiert in einer unerwartet instabilen absoluten Lokalisationsleistung, dafür aber wird die relative räumliche Auflösung (Schallquellentrennung, Detektion von Bewegung) lokal signifikant verbessert. Wir (Säuger) lokalisieren relativ, nicht absolut.